Professorin Gabriele Krone-Schmalz

Welche Assoziationen löst der Begriff „Russland“ bei Ihnen aus? Unendliche Weite? Prunkvolles Zarentum? Stalinistischer Terror? Empfindsame Dichter und begnadete Komponisten? Aggressiver Störenfried der Weltordnung? Russland gleich Putin gleich Geheimdienst? Bedrohung der westlichen Werte? Fest steht jedenfalls, dass das Russlandbild der deutschen Bevölkerung mehrheitlich nicht dem in Politik und Medien entspricht. Seit dem Streit um die Ukraine 2014 nimmt die Kritik an der Berichterstattung zu, die als zu einseitig wahrgenommen wird, wenn stets Russland auf der Anklagebank sitzt. Die übliche Medienbeschimpfung hilft allerdings nicht weiter. Das führt lediglich in unproduktive Konfrontation statt zu kreativem Diskurs. Aber es fällt schon auf, dass allzu oft, sowohl in den Medien als auch in der Politik, nach einem simplen Gut-Böse-Schema verfahren wird. Ganz gleich wovon die Rede ist – Ukraine, Syrien, Sport – die Russen sind immer die Bösen. Nach einer Zeit der Entspannung Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, in der es gelang, die deutsche Vereinigung herbeizuführen, in der von einem europäischen Haus die Rede war, selbstverständlich unter Einbeziehung Russlands, sind wir nun in einer Konfrontation gelandet, die gefährlicher ist als zu den Hochzeiten des Kalten Krieges. Eine neue Entspannungspolitik ist dringender nötig als je zuvor. Dazu muss man – selbstkritisch und ohne ideologische Scheuklappen – die bisherige Politik analysieren, gegenseitige Befindlichkeiten benennen und wieder zu echten Verhandlungen kommen, bei denen Interessen gleichberechtigt auf den Tisch gelegt werden und alle Seiten ernsthaft an einem Interessenausgleich arbeiten. „Gegnerische“ Interessen von vornherein als illegitim erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, löst kein einziges Problem und trägt zur Verhärtung und Eskalation bei.

Die vollständige Sicht auf Russland der Moskau-Korrespondentin finden Sie in der aktuellen Ostwestfälischen Wirtschaft.