Keine Zeit für „Keep calm and carry on“: In knapp acht Monaten verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union. Mathias Dubbert beobachtet für den DIHK die Verhandlungen in Brüssel und gibt einen regelmäßigen Brexit-Newsletter heraus. Er befürchtet ein „No-Deal-Szenario“.

Herr Dubbert, ist „Keep calm and carry on“ angesichts des näher rückenden Brexit-Termins am 30. März kommenden Jahres für deutsche Unternehmen die richtige Strategie?

Nein. Die Brexit-Verhandlungen verlaufen sehr schleppend. Nach derzeitigem Stand ist sogar ein „No-Deal-Szenario“ ohne Folgeabkommen zwischen UK und der EU denkbar. Dies hätte weitreichende Folgen für Unternehmen, die in Geschäftsbeziehungen mit UK stehen. Deshalb ist es ratsam, sich frühzeitig auf die Folgen des Brexits vorzubereiten.

Aus Ihrer Beratungspraxis: Welche Themen werden von Unternehmen momentan am stärksten nachgefragt?

Die drohende Einführung von Zöllen gehört sicherlich zu den größten Herausforderungen für Unternehmen. Hier geht es nicht „nur“ um die eigentlichen Kosten, die den Unternehmen durch die Erhebung von Zöllen entstehen, sondern zusätzlich um die damit verbundene Bürokratie. Nach Berechnungen des DIHK werden bis zu 15 Millionen Zollanmeldungen nötig werden. Das kostet die Unternehmen Zeit und Geld. Zudem ist es eventuell notwendig, seine Mitarbeiter zu schulen, da bisher nicht jedes Unternehmen mit der Zollbürokratie vertraut ist.

Die deutschen Exporte nach Großbritannien sind im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent gesunken, demgegenüber steht ein Export-Plus von 6,3 Prozent in die EU insgesamt. Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen
Sie in diesem Jahr?

Die Zeichen deuten auf ein Fortsetzen dieses negativen Trends hin, denn auch in diesem Jahr sind bis April die Exporte nach UK um zwei Prozent zurückgegangen. Gründe dafür sind das weiterhin schwache Pfund und die Schatten, die der Brexit bereits wirft. Erst kürzlich haben große deutsche Konzerne in UK öffentlichkeitswirksam vor dem Verlust von vielen tausend Arbeitsplätzen auf der Insel gewarnt, wenn es kein Abkommen zwischen der EU und UK geben wird.

Einigen sich die EU der 27 Mitgliedsstaaten und Großbritannien nicht auf ein Zollabkommen, wird das Vereinigte Königreich zu einem Drittstaat. Was bedeutet das für die Unternehmenspraxis?

Neben den bereits erwähnten Zöllen gibt es eine Vielzahl weiterer Themen, die die Unternehmen bewegen. So fehlen nach dem Brexit die Arbeitnehmerfreizügigkeit oder auch die EU-weite Harmonisierung der Mehrwertsteuer. Insgesamt ist zu beachten, dass alle Vorzüge des EU-Binnenmarktes nach dem Brexit nicht mehr für UK gelten werden.

Eine Zeitlang wurde über einen „Brexit vom Brexit“ diskutiert, das britische Oberhaus fordert Änderungen zum EU-Austrittsgesetz. Wie schätzen Sie die politische Lage ein, wie wahrscheinlich ist ein abgemildeter oder revidierter Brexit-Beschluss?

„Her Majesty“ lies kürzlich verkünden, dass sie der „European Union Withdrawal Bill“ zustimmen wird. Das Austrittsgesetz wird somit Ende März in Kraft treten. Alle 15 Änderungswünsche des Oberhauses wurden zuvor übrigens durch das Unterhaus gestrichen.

Zur Person

Matthias Dubbert DIHK

Mathias Dubbert (37) ist Referatsleiter Europapolitik und EU-Außenwirtschaftsförderung im Brüsseler Büro des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.
Aufgewachsen ist er in Detmold, nach dem Studium des Politikmanagements an der NRWSchool of Governance hat er für ein Marktforschungsinstitut in Bielefeld
gearbeitet und mehrere berufliche Stationen in der IHK-Organisation inne gehabt. Aktuell hat Dubbert mit seinem Team eine „Are you ready for BREXIT“-
Checkliste für Unternehmen herausgegeben.

Dieses Interview finden Sie auch in der August-Ausgabe des IHK-Magazins Ostwestfälische Wirtschaft.