Verkehrsexperte Professor Heiner Monheim blickt in die Zukunft der Mobilität und plädiert für eine moderne, internetbasierte Logistik

Herr Monheim, in der Diskussion über neue Mobilitätskonzepte spielt das Fahrrad eine große Rolle. Warum ist das so?

Der Fahrradboom beim Absatz ist ungebrochen. Vor allem die teuren und elektrisch unterstützten Fahrräder, die „Pedelecs“, verkaufen sich glänzend. Inzwischen nimmt endlich auch wieder die Zahl der Lastfahrräder stark zu, bei denen die elektrische Unterstützung besonders naheliegt. Neben dem privaten Einsatz als Fahrrad für die Kindermitnahme und Einkaufsfahrrad beginnen Handel, Handwerk, Industrie und vor allem die Kurier-Express-Paket-Dienste die großen logistischen Vorteile der Lastfahrräder zu schätzen. Die Post ist Deutschlands größter Pedelec-Anwender. Die Politik trägt leider noch wenig zum Fahrradboom bei. Weiterhin sind Radschnellwege seltene Ausnahmen, auch Fahrradstraßen werden nur sehr selektiv und leider oft dilettantisch ohne System geplant. Immer noch trauen sich die meisten Kommunen nicht, den Verkehrsraum fahrradfreundlich neu zu verteilen, um „Protected Bike Lanes“ zu schaffen. Niederländische und dänische Verhältnisse sind bei uns immer noch in weiter Ferne.

Wie lassen sich Ihrer Meinung nach Liefer- und Wirtschaftsverkehr in Innenstädten zukünftig organisieren?

City- und Landlogistik werden sträflich vernachlässigt. Man braucht im Stadtverkehr eine sinnvolle Bündelung der vielen schlecht ausgelasteten Einzelfahrten mit Lieferwagen. Das Gleiche gilt auch für den ländlichen Raum. Man braucht viel mehr mittlere und kleine Güterverkehrszentren und eine abgestimmte Feinverteilung durch universelle Dienstleister wie beispielsweise DHL. Und im ländlichen Raum braucht man viel mehr KombiBUS-Angebote mit kombiniertem Personen- und Güterverkehr. Beide Kulissen brauchen eine moderne, internetbasierte Logistik. Und die Güterbahnen müssen endlich wieder die regionalen Transportaufgaben mit mittleren und kleinen Volumina wahrnehmen. Dafür brauchen wir eine Bahnreform II mit einer Regionalisierung der Güterbahnen in öffentlicher Aufgabenträgerschaft. Erst dann kann die ersehnte „Entlasterung“ der Autobahnen vorankommen.

Flugtaxi und Co.: Wie werden wir uns in der Zukunft fortbewegen und wie sieht für Sie die Mobilität von Morgen aus?

Die konventionelle Autowirtschaft erfährt einen massiven Strukturwandel, die Zahl der zugelassenen und fahrenden Kfz sinkt drastisch, ebenso der Export. Die verbleibenden Autos sind viel leichter, kleiner und intelligenter. Die Zahl neuer Busse und Bahnen nimmt weltweit drastisch zu. Die Autowirtschaft wird zur Mobilitätswirtschaft konvertiert, die effiziente Mobilität(sdienstleistungen) verkauft. Auch die Straßenbauwirtschaft wird massiv schrumpfen. Alle Arten von digital unterstützter Mobilitätslogistik werden die bestimmenden Zukunftsbranchen. Flugtaxen werden nie massenverkehrstauglich, wegen der großen Platzanforderungen beim Starten, Landen und Abstellen. Im autonomen Roboterauto dagegen stecken beachtliche Potenziale. Autonome Mikrobusse können die Nahmobilität und ländliche Mobilität revolutionieren. Roboterautos bringen zudem eine breite Verkehrsberuhigung, weil sie im Siedlungsraum auf 20 km/h abgeregelt werden müssen, nur dann sind sie ausreichend sicher.

Zur Person:

Heiner Monheim (72) ist emeritierter Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier. Seine thematischen Schwerpunkte sind Mobilität im Allgemeinen und speziell Fuß- und Radverkehr, öffentlicher Verkehr sowie Städtebau und Verkehr. Außerdem ist er Mitbegründer und -inhaber des raumkom-Instituts für Raumentwicklung und Kommunikation mit Hauptsitz in Trier und Büro in Bonn. In den 1970er und -80er Jahren war er Mitbegründer des Verkehrsclub Deutschland (VCD) und des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).