Die Kunden erwarten von ihrem Supermarkt mehr als die reine Bedarfsdeckung. Food-Lieferkonzepte boomen, gefragt sind To-go-Formate und Convenience-Produkte. Das Bedürfnis, zu wissen, wo die Lebensmittel herkommen, steigt.

Die Lebensmittelbranche erlebt eine Aufwertung. Supermärkte liefern nach Hause, SB-Warenhäuser bieten auf ihrer Fläche Genuss- und Erlebnisinseln. Modernes und edleres Ladendesign, längere Öffnungszeiten mehr Markenprodukte in den Regalen – selbst Aldi rüstet auf. Um das stockende Wachstum wieder ins Rollen zu bringen, müssen sich Discounter – jahrzehntelang Wachstumstreiber im Lebensmittelhandel – neu positionieren. Supermärkte sind wieder im Aufwind, gerade selbstständige Lebensmittelkaufleute punkten beim Kunden.

GELEBTE KUNDENNÄHE

„Reiner, ist das ein trockener Prosecco?“ Die Kundin streckt eine Flasche hin, ein kurzer Blick, ein freundliches „Ja“, ein paar persönliche Worte, gelebte Kundennähe: Reiner Schenke steht in seinem Supermarkt in der Rhedaer Straße in Gütersloh, dem Stammhaus des Unternehmens. Insgesamt sechs Filialen von Edeka Schenke gibt es in Gütersloh, Harsewinkel und Bielefeld. Dazu kommen noch zwei Getränkemärkte und ein reiner Bio-Supermarkt in Gütersloh. Seit 1934 handelt die Familie mit Lebensmitteln. Mit dem 54-Jährigen trägt die dritte Generation Verantwortung, und mit seinem Sohn Janik ist die vierte auch schon im Unternehmen tätig. Außerdem betreibt Schenke einen Partyservice und drei Gastronomiebetriebe. Die eigene Bäckerei beliefert die Supermärkte und in der firmeneigenen Küche werden Salate, Obstsnacks und wechselnde Tagesgerichte frisch zubereitet. „Wir verwenden keinen Convenience-Produkte, setzen auf regionale Waren“, sagt Schenke. Neben seiner Ausbildung zum Lebensmitteleinzelhandelskaufmann hat er noch einen Abschluss als Bio-Landwirt in der Tasche. Für ein Jahr hat er gemeinschaftlich einen Bio-Hof bewirtschaftet, bevor er 1990 ins elterliche Unternehmen zurückkam und 1996 die Geschäftsführung übernommen hat.

„Bei uns stehen Auswahl und Vielfalt im Vordergrund, wir verstehen uns als Lebensmittelfachmarkt“, beschreibt er die Philosophie des Unternehmens. Wichtig sei ihm, dass sie als Vollsortimenter für jeden Geldbeutel etwas im Angebot hätten, von der Edeka-Eigenmarke im Discountpreis-Bereich bis hin zu selbstimportierten Weinen und dem Kaffee aus eigener Röstung. „Wir wollen gute Produkte anbieten, aber die Dinge müssen immer bezahlbar sein“, ist er überzeugt.

Dabei habe sich das Käuferverhalten in den zurückliegenden Jahren verändert. Frische Produkte lägen im Trend, die Nachfrage nach Fertiggerichten aus der Dose ginge zurück. „Kochshows sind ‚in‘, davon profitieren auch wir“, schmunzelt der Firmenchef. Gab es früher zwei Rindersteaksorten an der Fleischtheke, so können die Kunden heute aus acht verschieden auswählen. „Die Vielfalt ist enorm gewachsen.“ Diese Entwicklung zeige sich auch an den Verkaufsflächen: Wurden vor 40 Jahren auf 1.500 Quadratmetern Fläche noch 50 Prozent Non-Food-Artikel verkauft, so seien es heute auf 3.000 Quadratmetern lediglich fünf Prozent. Über 35.000 Artikel hätten sie im Sortiment, davon würden bis zu 5.000 pro Jahr durch neue ersetzt.

Als herausfordernd beschreibt der Firmenchef die Suche nach geeignetem Fachpersonal. 750 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, davon 200 Aushilfen und 50 Auszubildende. Insbesondere im Fleischer- und Bäckerhandwerk bekämen sie nicht genügend Azubis. Auch das Verkäufer-Image sei „nicht optimal“, ärgert sich Schenke, hinzu kommen lange Öffnungszeiten der Lebensmittelmärkte. Durch das Angebot von Zusatzqualifikationen über ein Edeka-eigenes Weiterbildungsprogramm und einer Fünf-Tage-Woche für die Mitarbeiter steuert der Firmenchef gegen. „Mit guten Mitarbeitern können wir viel bewegen“, ist er überzeugt. Denn das Anforderungsprofil steigt. Die Kunden erwarten Beratung, sei es zu der Zubereitung von Produkten, über Inhaltsstoffe oder Allergene.

Die Herausforderung durch den Online-Handel sieht der begeisterte Händler gelassen. „Der Online-Handel wird nicht am Lebensmitteleinzelhandel vorbeigehen. Aber wir machen uns für den stationären Handel stark. Einen Lieferservice bieten wir seit 50 Jahren an.“ Alle fünf Jahre hätten sie im Schnitt einen neuen Markt entwickelt, in Schenkes Büro hängen die Pläne für die siebte Filiale an der Wand. Auf 3.500 Quadratmetern sollen noch mehr Bio-Produkte – auch unverpackte – angeboten werden, ebenso mehr frische Lebensmittel und die hauseigene Sushi-Produktion soll die bislang zugekaufte Ware ersetzen. Auch Fairtrade sei im persönlich ein wichtiges Anliegen, betont Schenke. Sein Wunsch: „Lebensmittel müssen etwas wert sein. Wenn die Kunden zehn Cent mehr für die Milch bezahlen oder 20 Cent für den Joghurt, kommt das den Produzenten zu Gute.“

TRADING-UP-TENDENZ

Jüngste Zahlen des Statistischen Bundesamtes geben für 2016 an, dass die Unternehmen des Einzelhandels mit Lebensmitteln mit rund 1.271.000 Beschäftigten einen Umsatz von knapp 200 Milliarden Euro erwirtschaften. Mehr als 37.000 Geschäfte verschiedenster Betriebsformen sichern eine flächendeckende Lebensmittelversorgung. Kunden können aus einem Sortiment von bis zu 50.000 Artikeln wählen, heißt es beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), dem „Fachverband für Lebensmittelarbeit“ im Handelsverband Deutschland (HDE).

In Ostwestfalen gibt es nach der IHK-Statistik 2.170 Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel.

„Es zeigt sich eine anhaltende Trading-Up-Tendenz im Lebensmittelhandel. So sind zum Beispiel vermehrt Angebote im Bereich Frische und weiteren hochwertigere Produktkategorien, zum Beispiel Dry-Aged Beef, sowie mehr Convenience und ein breiteres Angebot an Bioprodukten sowie Super-Food festzustellen. Zudem investieren die Unternehmen verstärkt in die Ausstattung ihrer Märkte“, sagt Matthias Jäger, Referent beim BVLH. Der Bereich des Online-Lebensmitteleinzelhandels verzeichne ein starkes Wachstum, dies jedoch bei niedrigen Gesamtvolumen und Marktanteil. Es seien Trends zu Omnichannel – das heißt eine Verknüpfung verschiedener Kanäle, Lieferdienste in Ballungsräumen, Selbstabholung im Markt – sowie eine verstärkte Digitalisierung der Märkte sichtbar.

Laut Umfragen ist der Online-Lebensmittelhandel bislang kein Massenmarkt. So nutzen, laut der aktuellsten Auflage der „b4p trends“, gerade einmal drei Prozent der Bundesbürger regelmäßig das Internet, um Essen und Getränke zu ordern. In der Studie der Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GIK) sprachen vor allem die Nähe des Ladens direkt um die Ecke (64 Prozent), die in die Hand nehmbaren Produkte (57 Prozent), teure Lieferkosten (24 Prozent) und die vermeintlich bessere Qualität und Frische der Produkte (20 Prozent) gegen die Online-Lieferung.

UMSATZPLUS BEI EDEKA

Mark Rosenkranz ist zufrieden: „Der Lebensmitteleinzelhandel hat ein Umsatzplus erreicht“, sagt der Vorstandssprecher der EDEKA Minden-Hannover e.G. Wurden 2017 noch 8,7 Milliarden Euro erwirtschaftet, so liegen die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2018 darüber. Genaueres würde allerdings erst bei der Generalversammlung im Mai bekanntgegeben, ergänzt der Diplom-Kaufmann.

Den Erfolg führt der 51-Jährige auf das EDEKA-Geschäftsmodell zurück. „Wir sind ein echtes Unternehmer-Unternehmen. Unsere rund 600 Genossenschaftsmitglieder, selbstständige Kaufleute, sind lokal und regional verwurzelt.“ Etwa 1.500 Lebensmittelmärkte sind in der größten der insgesamt sieben EDEKA-Regionalgesellschaften organisiert. Rund ein Drittel der Märkte werde als Regie-Einzelhandel direkt von der Genossenschaft betrieben. „Unsere operative Geschäftsführerebene berät nicht nur unsere Mitglieder, sondern sie ist auch selbst unternehmerisch für unsere Regie-Märkte verantwortlich.“ Der Umsatzanteil der Regiebetriebe am Gesamtumsatz beläuft sich auf 2,8 Milliarden Euro.

Dabei nehme der Erneuerungszyklus und die Investitionsgeschwindigkeit im Lebensmitteleinzelhandel zu, mit einem klaren Ziel: „Wir arbeiten immer an der Optimierung unser Handelsleistung, erhöhen die Attraktivität unserer Märkte und investieren in die Mitarbeiterentwicklung. Das dient auch der Differenzierung“, sagt Rosenkranz. Ein weiteres Plus: „Wir sind Spezialisten für die Lebensmittelversorgung auch im ländlichen Raum. Wir verfügen über eine Vielzahl an Vertriebsformaten, um den unterschiedlichen Bedürfnisse vor Ort gerecht zu werden. Außerdem bieten wir in unseren Lebensmittelmärkten zunehmend Dienstleistungen von Bereichen an, die sich aus der lokalen Versorgung zurückgezogen haben, beispielsweise Post oder Cashback.“

Der stationäre Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland sei so effizient und hochverdichtet, dass es die virtuelle Konkurrenz dagegen schwer habe: „Der Online-Handel mit Lebensmitteln wird in absehbarer Zukunft in Deutschland keine Gewinne erwirtschaften“, ist Rosenkranz überzeugt. Gleichzeitig gehe es darum, die Vorteile des Online-Shoppings auf den stationären Handel zu übertragen, beispielsweise bei Bezahlmodellen oder beim Check der Warenverfügbarkeit. „Wie können wir den Einkauf noch convenienter und erlebnisreicher gestalten?“, nennt Rosenkranz eine Zukunftsaufgabe für die Genossenschaft. Grundsätzlich soll das bestehende, erfolgreiche Geschäftsmodell weiterentwickelt und flexibel an sich verändernde Verbrauchergewohnheiten angepasst werden. „Wir sehen unsere Handelsleistung im Fokus“, bilanziert Rosenkranz.

Dieser Artikel ist erschienen im IHK-Magazin Ostwestfälische Wirtschaft, Ausgabe Februar 2019. Die ganze Story in unserem Online-Reader: https://www.ostwestfalen.ihk.de/presse/ihk-magazin/

 

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