Foto Universität Bielefeld – Prof. Dr. Detlef Sack, Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, Vergleichende Politikwissenschaft

INTERVIEW Prof. Dr. Detlef Sack untersucht, warum sich Leute ehrenamtlich für andere einsetzen. Vom „Abgesang aufs Ehrenamt“ hält er nichts.

Herr Professor Sack, warum engagieren sich Leute ehrenamtlich, was können Sie zu deren Motiven sagen?
Es sind ganz unterschiedliche Motive, die dazu führen, dass Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Es gibt diejenigen, die ohnehin schon Zeit ihres Lebens ehrenamtlich tätig sind, immer wieder gefragt werden, nicht ‚Nein‘ sagen können oder wollen und für die es zu ihrem persönlichen Leben gehört, sich einzubringen. Andere wiederum entscheiden sich in einer bestimmten Lebensphase dafür, sich zu engagieren. Dies geht einerseits damit einher, dass in Betrieb und auf der Arbeit die Angelegenheiten konsolidiert sind. Dies hat andererseits damit zu tun, dass die Kinder aus dem Haus sind. Menschen sind dann besser abkömmlich, um sich zu engagieren. Und sie geben mit dem Engagement ihrem Leben in einer weiteren Phase eine sinnvolle Richtung. Eine dritte Gruppe wird von konkreten Anliegen und Interessen getrieben, also von etwas, das aus ihrer Sicht gesellschaftlich unbefriedigend ist. Sie wollen ihre jeweiligen Interessen ein Stück weit durchsetzen, aber auch dazu beitragen, dass sich die Dinge verbessern. Ein viertes Motiv trifft nicht nur, aber auch auf Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern zu – die Ehrenämtler lernen hinzu. Das ist kein Motiv, das am Anfang des ehrenamtlichen Engagements steht, aber im Laufe der Zeit bekommen Sie etwas von anderen Branchen und Berufen mit und fühlen sich persönlich bereichert von diesem neuen Wissen.

Vereine, freiwillige Feuerwehren oder Parteien klagen über rückläufiges Engagement. Trifft das alle Ehrenamtsorganisationen gleichermaßen oder gibt es Unterschiede?
Diese Klagen sind angesichts der Ergebnisse von Befragungen zum Ehrenamt nicht tragfähig. Sowohl das tatsächliche Engagement wie auch die Bereitschaft in der Bevölkerung sind in den letzten zirka 15 Jahren relativ stabil geblieben. Allerdings hat sich die Art und Weise des Engagements verändert. Menschen sind eher bereit, sich in Projekten und Kampagnen einzubringen, als in konventionelle Vereine, Verbände oder gar Parteien. Das hat verschiedene Gründe. Erstens ist es so, dass viele Menschen einen intensiven Arbeitsalltag haben, sie mobil sein müssen und Familienzeiten wie auch Kindererziehung heute anders geschätzt, aber auch verteilt werden als früher. Dies führt zu einer Scheu, aber auch fehlender Zeit, sich dauerhaft in einer Organisation zu engagieren. Zweitens sollten diejenigen Organisationen, die klagen, auch Rechenschaft darüber ablegen, wie offen sie eigentlich für neue Mitglieder sind. Ein klassisches Problem ist es, wenn ältere Mitglieder die jüngeren bevormunden oder deren Fragen als persönliche Angriffe werden. Diejenigen Ehrenamts-Organisationen, die kurz und mittelfristiges Engagement befördern und die Räume für jüngere und neue Mitglieder bieten, sind relativ gesehen im Vorteil. Man muss aber auch sagen, dass große und wichtige Bereiche des Ehrenamtes, vor allem das Engagement in Sportvereinen, in Kindertagesstätten und Schulen, sich weiterhin großen Zuspruch erfreuen. Auch ist festzustellen, dass mit dem Aufstieg einer neuen Partei die Bereitschaft, sich generell in Parteien zu engagieren, etwas gestiegen ist. Also, ein Abgesang auf das Ehrenamt wäre unzutreffend und verfrüht.

Wie sieht es im europäischen und internationalen Vergleich aus?
International unterscheidet sich die Bereitschaft von Menschen, sich in großen Organisationen zu engagieren, deutlich. Es gibt diejenigen Länder, in denen die Erfahrung gemacht worden ist, dass der Staat die Menschen ‚von oben‘ in Organisationen ‚einsortiert‘. Die Bereitschaft in postsozialistischen Ländern und Regionen, sich in Vereinen, Verbänden und Parteien zu engagieren, ist sehr gering. In angelsächsischen Ländern ist hingegen festzustellen, dass es neben der Bereitschaft zum Ehrenamt auch eine andere Selbstverständlichkeit gibt, zu geben. Es gehört dort zum guten Ton, für eine Sache zu spenden. Die gerade beschriebenen Erfahrungen für Deutschland lassen sich, natürlich nur im begrenzten Maße, auf die kontinentaleuropäischen Länder übertragen.

In der Diskussion um die Tafel in Essen wurden auch Stimmen laut, die forderten, dass eine Versorgung mit grundlegenden Dingen des täglichen Bedarfs staatliche Aufgabe sei und nicht von privaten, ehrenamtlichen Organisationen sichergestellt werden dürfe. Gibt es eine ähnliche Diskussion in anderen ehrenamtlichen Bereichen?
Es geht diesbezüglich im Grunde um zwei Diskussionen. Die erste bezieht sich darauf, dass Ehrenamtliche weder staatliche Aufgaben ersetzen können noch dass sie es wollen. Sie begreifen ihr Engagement als eine zusätzliche Hilfe und Unterstützung. Die zweite Diskussion findet in denjenigen Wohlfahrtsverbänden statt, die soziale Leistungen, etwa in der Jugendhilfe, in der Pflege oder bei Rettungstransporten, erbringen. In diesem Bereich hat es eine Re-Organisierung gegeben, die sich daran orientiert hat, soziale Leistungen zu beziffern und an Effizienz-Kriterien auszurichten. Das hat dazu geführt, dass die Motivation sich aus sich selbst heraus für eine gute Sache zu engagieren, deutlich zurückgegangen ist. Es ist also nicht nur der Staat, dessen Aufgaben Ehrenamtliche nicht ersetzen wollen. Es sind auch Effizienzerwägungen in Wohlfahrtsverbänden, die dazu führen, dass man sich zurückzieht.

Das vollständige Interview mit  Prof. Dr. Detlef Sack finden Sie hier in der aktuellen Ausgabe der Ostwestfälischen Wirtschaft.