Prof. Dr. Christian Deutscher (36) ist seit 2013 Professor für Sportökonomie an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld. Seit vergangenem Jahr ist er zudem Generalsekretär der European Sport Economics Association. Foto: Universität Bielefeld

Die Sportbranche boomt. Aber warum? Dr. Christian Deutscher, Professor für Sport und Wirtschaft an der Universität Bielefeld, wirft im Interview einen Blick hinter die Kulissen der Fitnessbranche

Herr Prof. Dr. Deutscher, sind Sport und Wirtschaft ein eingespieltes Team?

Definitiv. Der Sport, egal ob Leistungs- oder Freizeitsport, ist von immer größerer wirtschaftlicher Bedeutung. In den vergangenen Jahren fand ein starker Wandel hin zu mehr Professionalität statt. Zuerst war die Fitnessbranche eher eine Nischen-Gruppe, die sich quasi selbst organisiert hat. Mit der verstärkten Nachfrage kamen schrittweise professionelle Angebote dazu. Durchdachte Fitness-Konzepte sind entstanden, weil sich das von immer mehr Kunden gewünscht wurde.

Wie hoch ist die wirtschaftliche Bedeutung der Sport- und Fitnessbranche?

Deutschlandweit hat das Interesse an Sport und Fitness zugenommen. Die Anzahl der Fitnessstudios in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent angestiegen. Entsprechend sind die Besucherzahlen auf einem hohen Niveau und lagen 2017 bei 10,6 Millionen Menschen in Deutschland. Das heißt, von den 70 Millionen Staatsbürgern über 14 Jahre ist jeder Siebte Mitglied in einem Fitnessstudio. Das Land Nordrhein-Westfalen weist im Bundesvergleich leicht überdurchschnittliche Werte auf, was an den großen Ballungsgebieten und damit attraktiven Standorten für Studios liegt. Die Fitnessbranche hat sich also zu einem sehr breiten Markt entwickelt, der eine Menge Arbeitsplätze bietet. Dazu gehört nicht allein das Fitnessstudio an sich, sondern es ist ein Markt außerhalb des Studios gewachsen. Zum einen sind da die Lebensmittelindustrie mit zum Beispiel den Nahrungsergänzungsmitteln und zum anderen der Bekleidungssektor, der die passende Sportkleidung liefert. Das war alles nur möglich, da sich eine hohe Nachfrage entwickelt hat.

Woher kommt die neue Lust an Fitnessclubs, Gesundheit und Wellness – gibt es einen kulturellen Wandel in der Gesellschaft?

Die Menschen leben bewusster und wollen ein ausgeglichenes Leben führen. Die Arbeitswelt hat sich verändert und ein Großteil verbringt viel Zeit am Schreibtisch in einer einseitigen Haltung. Gleichzeitig wird die arbeitende Bevölkerung immer älter. Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber haben erkannt, dass Menschen einen Ausgleich zum Arbeitsalltag brauchen, einerseits beim Sport, andererseits in der gezielten Entspannung. Nun sind wir gerne effizient – auch in Sport und Entspannung. Deshalb hat sich die Branche immer weiter professionalisiert, weil das die breite Nachfrage nach passenden Angeboten befriedigt hat. Neben der veränderten Arbeitsbelastung ist in der Gesellschaft ein neuer Körperkult entstanden. Die Menschen streben nach körperlicher Perfektion und eifern Idealen nach. Das ist nicht mehr nur ein Trend weniger Sportbegeisterter, sondern ist in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen, wovon die Fitnessstudios profitieren.

Vor welchen Herausforderungen steht die Branche zukünftig?

In der Fitnessbranche herrschen harter Wettbewerb und Konkurrenzkampf. Der Markt differenziert sich in einen Niedrigpreissektor und einen höherpreisigen Teil mit stärkerem Servicegedanken. Wer sich am Markt halten möchte, muss gezielt bestimmte Zielgruppen ansprechen, ihre Bedarfe kennen und sich ein Image aufbauen. Beispielsweise gibt es einige Fitnessstudios nur für Frauen, weil die Betreiber erkannt haben, dass es dort die Nachfrage gibt. Entscheidend ist es dann, die Mitglieder langfristig an sich zu binden. Das gelingt, wenn die Studios ihre Angebote auf die Wünsche anpassen und die Mitglieder zufrieden und fit nach Hause gehen. Generell sehe ich den Trend in den nächsten zehn Jahren weiter ansteigend. Die Nachfrage nach professionellen Fitnessangeboten wird sich entsprechend nach oben entwickeln. Einfluss darauf hat auch die Medienpräsenz der Fitnessbranche, vor allem in den sozialen Medien.

Elena Ahler, IHK

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