„Wie ist die Work-Life-Balance in Ihrem Unternehmen und was sind Ihre betrieblichen Ziele im Hinblick auf den Klimawandel?“, diese und viele andere Fragen interessiert Schülerinnen und Schüler. Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen beantworten sie!

 

Die „Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen“ sind nun seit 2015 im Rahmen der Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen in Ostwestfalen-Lippe unterwegs. Zeit für einen Rückblick und Ausblick auf die kommenden Jahre von den Projektverantwortlichen Tuba Kantis (Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, kurz: HWK) und Vera Birthe Bratengeier (Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld, kurz: IHK).

Was machen die Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen überhaupt?

Im Rahmen des Peer-to-Peer Ansatzes werden engagierte Auszubildende aus diversen Unternehmen und Ausbildungsberufen unterschiedlicher Lehrjahre zu „Ausbildungsbotschaftern und Ausbildungsbotschafterinnen“ geschult. Durch die Berichte der „Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen“ erfahren die Schüler und Schülerinnen des meist 9. Jahrgangs (aber auch der Oberstufe) von fast Gleichaltrigen die Erfahrungen zur Berufswahl, das Leben als Auszubildende, Informationen über den individuellen Ausbildungsberuf und welche Karrieremöglichkeiten ihr Berufszweig bietet. Außerdem gibt es auch noch Tipps für den Bewerbungsprozess – und das auf Augenhöhe! Die kostenlosen Einsätze der Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen dauern zwischen 45 bis 90 Minuten und können auf unterschiedliche Art und Weise implementiert werden. Pro Einsatz werden in der Regel zwei unterschiedliche Ausbildungsberufe dargestellt. Über kleine Mitmach-Aufgaben können die Schülerinnen und Schüler zudem noch einen praktischen Einblick in die Aufgabenfelder des Ausbildungsberufs erlangen.

 Was ist in den vergangenen sechs Projektjahren organisatorisch passiert?

Die IHK ist 2015 als Pilotkammer in der „Initiative Ausbildungsbotschafter“ in Ostwestfalen mit Vera Birthe Bratengeier als Projektverantwortliche gestartet. Die ersten Monate waren von der Planung und Erprobung gezeichnet, da Schulungskonzepte erarbeitet und die Akquise von Ausbildungsbotschafterinnen/Ausbildungsbotschaftern und Schulen parallel gestartet wurde. Im Jahr 2016 ist die HWK – mit Tuba Kantis als Koordinatorin – eingestiegen. Somit wurden die IHK-Berufe um HWK-Berufe verstärkt, sodass Berufsbilder aus unterschiedlichsten Bereichen von A wie Automobilkaufmann/-frau bis Z wie Zerspanungsmechaniker/-in abgebildet werden konnten. Nicht zuletzt durch die enge und gute Zusammenarbeit der IHK und der HWK wurde das Projekt in Schulen sehr gut angenommen. Das Projekt wurde an vielen Schulen in Ostwestfalen-Lippe als festes Berufsorientierungsinstrument implementiert, was die Beständigkeit des Projektes verdeutlicht. Nicht nur Schülerinnen und Schüler profitieren von den wertvollen Erfahrungen der Auszubildenden. Auch im Rahmen von Sonderveranstaltungen für Studierende mit Studienzweifel, können Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter über ihre Erfahrungen mit dem Studienausstieg berichten.

Auf welche Erfolge blickt das Projekt zurück?

Es gibt zwar keine festen Controlling-Größen, dennoch wurden in den vergangenen Jahren um die 15.000 Schülerinnen und Schüler mit den Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschaftern in Ostwestfalen erreicht. Das vermeintlich niedrigschwellige Projekt blickt auf einige Jahre zurück, in denen Schülerinnen und Schüler Praktika absolviert und Ausbildungsverträge geschlossen haben. Ein absolutes Highlight gibt es derzeit im Projekt – die Auszubildende hat in ihrer Schulzeit einem Ausbildungsbotschafter des Berufs „Immobilienkaufmann/-frau“ zugehört und war danach so fasziniert, dass sie nach ihrem Abitur in dem Unternehmen die Ausbildung begonnen hat. Nun ist sie selber als überzeugte Ausbildungsbotschafterin unterwegs.

Das Projekt bringt zudem eine Menge, um bestehende Vorurteile von Ausbildungsberufen abzubauen. Die Frage „Womit verbindest du Handwerk?“ gibt einen Anhaltspunkt zu Ideen, die Schülerinnen und Schüler haben. Im Handwerk macht man sich „natürlich“ die Hände schmutzig und Bankkaufleute sind „natürlich“ spießig. Dass dies Klischees sind und die Realität anders aussieht, wird durch Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter bestätigt. Durch die Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen ist es den Unternehmen möglich auch Berufe darzustellen, die keine bzw. wenige Schülerinnen und Schüler kennen. Wer kennt z.B. den Beruf Orthopädietechnikmechaniker/-in und was könnte das mit dem Studium der Bionik zu tun haben? Warum haben KFZ-Mechatroniker/-innen im ersten Lehrjahr mit einer „Öldusche“ zu rechnen? Wie kann man als Hörakkustiker/-in in der Automobilbranche landen? Warum macht es Sinn vor einem Architekturstudium eine Ausbildung z.B. als Bauzeichner/-in oder Maurer/-in zu machen? Gießen Gießereimechaniker/-innen den ganzen Tag Blumen? Darf man bei dem Beruf des Süßwarentechnologen immer naschen?

All diese Fragen können Auszubildende Schülerinnen und Schülern nahebringen und erklären. Schüler und Schülerinnen hören ihnen sehr aufmerksam zu und erhalten einen kleinen „Aha-Effekt“, da sie von der Vielfalt der Berufswelt wenig Kenntnisse haben. Das zeigt, dass das Projekt wichtig ist, um alleine schon das Berufsspektrum der Schülerinnen und Schüler zu erweitern.

Welche Auszubildenden können mitmachen und was haben sie davon?

Grundsätzlich können alle interessierten Auszubildenden der IHK- und HWK-Berufe teilnehmen, deren Ausbildungsunternehmen der Projektteilnahme zustimmen. Es ist besonders wichtig, dass die Auszubildenden Freude an ihrem Beruf haben und ihre Begeisterung für den Beruf teilen wollen. Die Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen stellen für viele Schülerinnen und Schüler Vorbilder dar. Wenn Auszubildende ihre Berufe vorstellen, transportieren sie ihre Leidenschaft für den Bereich unbewusst mit. Damit der Funke zu Schülerinnen und Schüler überspringen kann, ist die eigenen Freude am Beruf unentbehrlich. Dass eine Ausbildung gelegentlich auch mal nicht so erfolgreiche Tage umfassen kann, rückt dann in den Hintergrund. Die Vorstellung des Ausbildungsberufs soll Schülerinnen und Schüler zur Eigeninitiative anregen, selber ein Praktikum zu machen, um herauszufinden, ob die Tätigkeiten in dem Beruf interessante Herausforderungen bieten.

Der Start im Projekt beginnt mit der Schulung, die bereits im ersten Lehrjahr – bestenfalls nach der Probezeit – erfolgen kann. Die Einsätze in den Schulen erfolgen meist ab dem zweiten Lehrjahr. Es ist auch unerheblich, ob man bereits „Bühnenerfahrung“ hat oder noch unsicher beim Präsentieren ist. Durch die Präsentationen in den Schulen können die Auszubildenden ihre persönlichen Kompetenzen vertiefen und sich nach dem Motto „raus aus der Komfortzone“ für Vorträge aller Art stärken. Die Lebenswege der Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter müssen nicht gradlinig sein. Sie können den „klassischen Weg“ direkt nach der Schule in die Ausbildung gewählt haben. Darüber hinaus gibt es mittlerweile einige Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter mit einem vorausgegangenen Studienabbruch oder einer anderen absolvierten Ausbildung. Dadurch entstehen tolle Einblicke in die unterschiedlichen Werdegänge. Aufgrund der persönlichen Storys und den authentischen Geschichten werden die Berichte in den Schulen lebendig.

Wie werden die Ausbildungsberufe den Schülerinnen und Schüler praxisnah dargestellt?

Es gibt viele tolle Erlebnisse und Anekdoten, die bemerkenswert waren. Es sind so viele, dass eine Auflistung sehr schwer ist. Natürlich hat jede/r Ausbildungsbotschafter/-in seine/ihre persönliche Art und Weise von dem Beruf und Werdegang zu berichten. An den persönlichen Geschichten merken die Schülerinnen und Schüler, dass der Berufsweg nicht immer gerade verlaufen muss und eine Umorientierung zu jeder Zeit möglich ist. Bei den Erzählungen von Ausbildungsbotschaftern mit Fluchthintergrund wurden die Schülerinnen und Schüler z. B. darauf sensibilisiert, welche tollen Angebote das deutsche Schulsystem inkl. der beruflichen Orientierung bietet.

Der Kreativität der Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter sind keine Grenzen gesetzt. Die Vorstellung des Ausbildungsberufs kann mit oder ohne mediale Unterstützung erfolgen – sie können frei entscheiden. Dabei reagieren sie situationsabhängig flexibel, sodass der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern bestmöglich erfolgt. Die unterschiedlichsten Mitmach-Aufgaben runden die Einsätze zudem ab.

Aus dem Lebensmittelbereich bzw. der Hotel- und Gastronomiebranche haben die Schülerinnen Schüler sowie die Lehrkräfte schon einen Drei-Strang-Zopf mit Übeteig geflochten (Bäcker*in), Marzipanrosenrosen hergestellt (Konditor*in), Eiswaffeln inkl. Verköstigung hergestellt und Lebensmittel- und Gewürze erraten (Koch/Köchin) oder Servietten z. B. zur Form „Oper in Sydney“ gebrochen (Hotelkaufmann/-frau). Natürlich wurden alle Aufgaben unter fachmännischer Anleitung der Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter absolviert. Hier konnten die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass etwas leicht aussieht, jedoch durchaus kompliziert sein kann. Dies hat schon zu einigen Lachern bei der Vorführung der Ergebnisse geführt.

Die handwerklichen Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen begeistern schon alleine dadurch, dass sie ihre Werkzeuge und Arbeitsmaterialien mitbringen. Dennoch dürfen die Schülerinnen und Schüler aktiv werden und z. B. mit einer elektronischen Pressmaschine Fittings pressen (Anlagenmechaniker/-in SHK), vorgefertigte Schablonenfolien kleben (Schilder- und Lichtreklamehersteller/-in), Drähte zu Zahlen biegen (Zahntechniker/-in) und selber professionelle Fotos mit Weitwinkel oder besonderen Lichteffekten erstellen (Fotograf/-in).

Die Aufgaben der gewerblich-technischen und IT- Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschaftern fordern auch heraus. Beim Zusammenbauen von Werkstücken, Zuordnen von Seitenansichten, dem Anfertigen einer technischen Zeichnung, dem Erstellen eines Quellcodes und der Zuordnung von Computereinzelteilen– hier ist logisches Denken und Fingerfertigkeit gefragt.

Die kaufmännischen Auszubildenden lassen auch ihre Fantasie spielen. Einmal erraten, was ein/-e Kaufmann/-frau für Versicherungen und Finanzen in seiner/ihrer Außendiensttasche hat? Kein Problem, aber kein Schüler/keine Schülerin hat bisher erraten, dass kleine Mini-Drucker zum Kundengespräch mitgebracht werden. Eine Tour durch Deutschland mit den Kaufleuten für Spedition- und Logistikdienstleistungen planen – das führt bei vielen zu interessanten Zuordnungen zu Städten und Ländern auf der Welt – Erdkunde in der Praxis. Und sollten die Schülerinnen und Schüler doch mal nicht aufmerksam sein, reichen einfach Anmerkungen, dass die Produkte z. B. in Filmen wie „Fast and the Furious“ zu sehen sind. Dadurch wird den Schülerinnen und Schülern bewusst, dass die ostwestfälisch-lippischen Unternehmen aus Handwerk und Industrie internationale Player sind.

Wie findet das Projekt in der Pandemie statt?

Nach anfänglicher Unsicherheit mit den digitalen Möglichkeiten und einer Eingewöhnungsphase, gehören digitale Schuleinsätze und digitale Schulungen mittlerweile zum Alltag. Es ist es somit auch möglich flexibel auf die pandemische Lage zu reagieren.

 Und das Fazit der letzten sechs Jahre?

Wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam mit den Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschaftern, Unternehmen/Betriebe und Schulen erreicht haben. Das Projekt ist zu einer Marke geworden. Über tausende Schülerinnen und Schülern wurden erreicht, hunderte Unternehmen/Betriebe haben bisher mitgemacht. Es freut uns, dass zwischen einigen Unternehmen/Betrieben und Schulen schon eine langjährige, gute Zusammenarbeit besteht, auf die Verlass ist. Es gibt zwar immer wieder Momente, die sich wiederholen, jedoch ist kein Einsatz wie der andere. Das Projekt ist und bleibt einzigartig spannend.

Wie geht es weiter?

Es wird genauso spannend weitergehen, wie in den letzten Jahren auch!

Das Projekt geht unter dem Namen Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen NRW – Unterwegs für „Kein Abschluss ohne Anschluss“ mit der Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen des Landesprogramms „Kein Abschluss ohne Anschluss“ weiter. Alle Unternehmen/Betriebe, die über die Ausbildungsbotschafter und Ausbildungsbotschafterinnen Berufsorientierung anbieten wollen, können Kontakt zu den Projektverantwortlichen der IHK und HWK aufnehmen. Schulen, die authentische Einblicke in Ausbildungsberufe erleben möchten, können die Einsätze unkompliziert bei den Projektverantwortlichen buchen. Das Projekt ist für alle Projektbeteiligten kostenfrei. Für weitere Informationen stehen folgende Ansprechpartner/-innen zur Verfügung:

 

IHK:

Vera Birthe Bratengeier I Tel.: 0521 554-169 I E-Mail: vb.bratengeier@ostwestfalen.ihk.de

HWK:

Tuba Kantis I Tel.: 0521 5608 – 342 I E-Mail: tuba.kantis@hwk-owl.de

Jürgen Altemöller I Tel.: 0521 5608 – 343 I E-Mail: juergen.altemoeller@hwk-owl.de

Text: Vera Birthe Bratengeier (IHK) und Tuba Kantis (HWK)