Start-ups, Made in Ostwestfalen. Etablierte Unternehmen profitieren von den Querdenkern und diese profitieren von den wirtschaftlich erfolgreichen Familienunternehmen. Die Region könnte zum B-to-B-Hot-Spot der deutschen Start-up-Szene werden. 

Vor welchen Herausforderungen, Chancen und Zweifeln Start-up-Gründer stehen, kennt der Geschäftsführer des Paderborner „TecUp“, Dr. Sebastian Vogt, aus eigener Erfahrung. 2009 hat er gemeinsam mit zwei Kommilitonen ein eigenes Start-up gegründet, für E-Government-Softwarelösungen. „Ich habe alle Stationen einmal mitgemacht“, sagt der heute 33-Jährige. Begonnen hat sein Unternehmertum als Ausgründung aus der Universität Gießen, seiner damaligen Hochschule. Der gebürtige Paderborner hat dort Wirtschaftswissenschaften studiert und promoviert. Betreut wurde er während seiner Unternehmensgründung und als Doktorand von Professor Dr. Rüdiger Kabst, der seit Dezember 2012 den Lehrstuhl für „International Business“ an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn inne hat und Leiter des dortigen Technologietransfer- und Existenzgründungs-Centers (TecUP) ist. Außerdem gehört Kabst als Vizepräsident für Wissens- und Technologietransfer der Hochschulleitung der Universität Paderborn an. Als Vogt und seine beiden Mitgründer ihr Unternehmen nach sieben Jahren an eines der „größten deutschen IT-Dienstleistungsunternehmen für kommunale Software“ verkauft hatten, habe Kabst ihn gefragt, ob er nicht nach Paderborn kommen wolle um die „garage33“ unter dem Dach des TecUP mit aufzubauen. Die „garage33“ versteht sich als „Freiraum für Gründer und Unternehmer“ und bietet von Co-Working-Places über Gründercoaching, Networking und Events bis hin zu kostenlosem W-LAN und Kaffee eine entsprechende Arbeitsatmosphäre an. „Kaffee gehört zu Start-ups einfach dazu“, erläutert der promovierte Wirtschaftswissenschaftler die hohe Dichte an Kaffee-Vollautomaten und Siebträgermaschinen in den unterschiedlichsten Start-up Hot-Spots.
Als „spannende Aufgabe“ beschreibt Vogt seine Tätigkeit neben dem „Schritt in die Heimat“ als zweite Motivation, in Paderborn anzuheuern. „Die ‚garage33‘ ist wie ein Start-up, wir haben fast von Null aus angefangen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich den Gründern wertvolle Tipps geben kann. Ich glaube, dass ich mehr als ‚nur‘ Lehrbucherfahrungen weitergeben kann“, formuliert er mit freundlicher, ruhiger Stimme. Initiiert wurde die „garage33“ durch den Wirtschaftsverein „Paderborn überzeugt“, dem Unternehmen und die Stadt Paderborn angehören. Mittlerweile zählten etliche große Firmen aus Ostwestfalen als „Premiumpartner“ dazu.

SCHÖPFERISCHE ZERSTÖRUNG
Die Frage, warum Start-ups grundsätzlich nötig seien, beantwortet Vogt wissenschaftlich mit dem Verweis auf den Ökonomen Joseph Schumpeter. Sein Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ als Quelle für etwas Neues, Kreatives sei die „ursprüngliche Idee der heutigen Disruption“, die sich Start-ups auf die Fahnen geschrieben hätten. „Etablierte Unternehmen sind stark darin, klassische Innovationsschritte zu vollziehen. Sie entwickeln ihr Produkt von Version 1.0 zu 1.1 zu 1.2 und so weiter.“ Wenn man Entwicklungsschritte überspringen wolle, dann sei die Hilfe von Start-ups ein wertvolles Mittel. „Disruption bedeutet Veränderung. Unter Umständen verdrängen disruptive Innovation bestehende Arbeitsplätze. Deshalb ist es wichtig, dass Innovationsteams aus Unternehmen und Start-ups einen Freiraum, wie in der ‚garage33‘, nutzen, um fernab betriebsinterner Hierarchien und Bedenkenträgern frei denken und arbeiten zu können. Denn eines scheint sicher, wenn die Disruption nicht selbst vorangetrieben wird, dann machen es eben andere – wie beispielsweise ein Start-up.“
Dabei gebe es keinen „typischen“ Start-up-Unternehmer. Auszeichnen würde sie eine „wahnsinnig hohe intrinsische Motivation“, ein Glaube an Veränderung und an ihre Idee, der sie nachgehen. „Die meisten Gründer verfolgen keinen monetären Ansatz. Die guten haben den Wunsch, etwas zu verbessern.“

ANDERS ALS BERLIN
Aus Vogts Sicht unterscheidet sich die Start-up-Kultur Ostwestfalens deshalb auch von der in anderen Regionen. „Wir wollen gar nicht so sein wie in Berlin. Oft habe ich den Eindruck, dass es dort einfach ‚hip‘ ist, Gründer zu sein. Unser Vorteil hier ist der starke Mittelstand. Deshalb bieten sich Start-ups im business-to-business-Bereich an.“ Denn am Ende des Tages ginge es darum, Erfolge zu messen. „Der ostwestfälische Gründer ist bodenständiger“, lobt Vogt. Gleichzeitig berge diese Bodenständigkeit ein gewisses Risiko. „Sie müssen sich mit internationalen Start-ups messen. In Tel Aviv oder dem Silicon Valley sitzen die großen Konkurrenten. Wenn die Start-ups dort ‚bunter leuchten‘, geraten Ostwestfalen leicht ins Hintertreffen.“ Auf NRW-Ebene habe die Landesregierung die Region und ihr Start-up-Potenzial erkannt, allerdings werde es auf Bundesebene schon schwieriger, Ostwestfalen werde oftmals nicht wahrgenommen. „Wir müssen noch deutlicher und stärker darüber reden und erfolgreiche Start-ups ins Rampenlicht stellen“, ist Vogt in Sachen Marketing überzeugt. Dennoch spricht er sich gegen eine Koordination aller Start-up-Aktivitäten unter einem Dach aus. „Wir sind in vielen Bereichen unterschiedlich unterwegs und ergänzen uns gut“, betont er die verschiedenen Ansätze der Akteure in der Region. Eine Ausnahme sei das „Innovationslabor OWL“, bei dem die staatlichen Hochschulen der Region ihre Labore für die Nutzung durch Start-up-Gründer öffnen würden.

KONTAKTE KNÜPFEN
Vielmehr wünscht sich Vogt, dass noch wesentlich mehr Unternehmen Kontakt zur Start-up-Szene in Ostwestfalen aufnehmen würden. „Ein Drittel der deutschen Großunternehmen arbeitet mit Start-ups zusammen oder gründet eigene“, zitiert der TecUp-Geschäftsführer aus einer Studie der Digitalberatung Etventure, „Mittelständler machen das immer noch sehr wenig.“ Unternehmer könnten beispielsweise die Veranstaltungen der unterschiedlichen Start-up-Akteure in der Region besuchen und sich am Mentoren-Programm des Innovationslabors OWL aktiv beteiligen oder sich im Business Angels-Programm OWL engagieren. Auch der „Technologiefonds OWL“, der Venture Capital aus Ostwestfalen für ostwestfälische Start-ups bereitstellt und mittlerweile rund 20 Millionen Euro im Topf habe, biete Chancen, um Kontakte zu knüpfen. „Mit dem Fonds konnten wir schon verhindern, dass Start-ups in andere Regionen abgewandert sind“, freut sich Vogt.
Denn eines ist sicher: „Es gibt nahezu kein Geschäftsmodell, das nicht von Digitalisierung betroffen sein wird. Jeder Unternehmer sollte die Chance ergreifen, sein Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Dafür ist eine Zusammenarbeit mit Start-ups oft ein wirkungsvolles Mittel.“

MEHR SUBSTANZ
Für Stefan Mrozek gewinnen die Start-ups der Region an Substanz. „Das Thema Start-ups ist sicherlich in den vergangenen Jahren gehypt worden. Da entsteht natürlich viel heiße Luft, das war auch hier der Fall. Aber ostwestfälische Unternehmen sind deutschlandweit für ihre Qualität bekannt. Das ist ein Pfund, das wir auch bei Start-ups aus Ostwestfalen spielen können und müssen“, sagt der 32-Jährige, der mit seiner Unternehmensberatung „STARTUP LANDSCHAFT“ Mittelstand und Start-ups zusammenbringt. „Auf beiden Seiten besteht der Wunsch, sich auszutauschen“, sagt Mrozek. Das Unternehmen berät mittelständische Firmen, die entweder selbst Start-ups gründen möchten oder mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Außerdem plant und entwickelt STARTUP LANDSCHAFT mit zwei festen und drei freien Mitarbeitern Workshops, Events, disruptive Geschäftsmodelle und Digital-Strategien für Kunden. „Mein Team und ich sind dafür die Brückenbauer und helfen Corporates, ihren Weg zu mehr digitalen Geschäftsmodellen zu finden“, beschreibt der Jungunternehmer sein Konzept. Ein Weg dafür sei zum Beispiel die von STARTUP LANDSCHAFT und eTribes geplante Konferenz „D2I – Digital to Industry“, welche am 21. September mit über 400 Fachteilnehmern in Bielefeld stattfinde. Die Konferenz dreht sich um die digitale Transformation von Industrie-Unternehmen und gibt praktische Hilfestellung bei der Planung und Umsetzung digitaler Maßnahmen.

EHEMALIGER START-UP-GRÜNDER
Der gebürtige Gütersloher hat die Entwicklung Ostwestfalens zur Start-up-Region von Anfang an miterlebt. Nachdem Mrozek in großen Unternehmen wie MINI, Volkswagen und Arvato Bertelsmann gearbeitet hat, gründete er 2014 zusammen mit seinem Geschäftspartner Alexander Leonard Ronge die mobile Online-Plattform „match it!“, mit der Gruppen Reisen planen und buchen können. Über die App geben Gruppenmitglieder ihre Urlaubspräferenzen an und ein Algorithmus schlägt passende Reiseziele anhand der gesammelten Informationen vor. Sie wurde innerhalb kürzester Zeit 18.000 Mal heruntergeladen. „Wir waren eines der ersten fünf oder sechs Start-ups in Ostwestfalen. Das Projekt war ein wirkliches Herzensding für uns.“ Trotzdem hatten die Gründer Finanzierungsprobleme und mussten das Start-up nach etwa eineinhalb Jahren aufgeben. „Nutzer buchten damals ihre Urlaube noch nicht über mobile Endgeräte. Die App brachte deshalb kaum Einnahmen. Gleichzeitig haben wir in Bielefeld keine vernünftige Finanzierung auf die Beine stellen können. Das Thema war 2014 absolut tot, niemand wollte hier in Start-ups investieren. Das hat sich mittlerweile stark gewandelt“, sagt Mrozek. Allerdings sieht er eines der größten Probleme für Start-ups noch immer in den regionalen Finanzierungsmöglichkeiten. „Deshalb ist die Vernetzung für Start-ups so elementar wichtig, denn sie müssen ohne große Investments und mit begrenzen Ressourcen möglichst schnell wachsen. Und das immer im Vergleich mit globalen Wettbewerbern.“

AKTIVES ÖKOSYSTEM
Die negative Erfahrung habe Mrozek letztendlich geholfen, sein heutiges Geschäftsmodell auf den Weg zu bringen. Er baute sich ein Netzwerk mit anderen Start-ups auf und hielt weiterhin den Kontakt zu großen Unternehmen der Region. „Hier ist seitdem ein sehr aktives Ökosystem entstanden. Start-ups sind für die großen Unternehmen bereits ein bedeutendes Geschäftsfeld, als Partner, Innovator oder auch als Lieferant. Für den kleineren Mittelstand ist das Thema dagegen noch immer schwer greifbar“, schätzt Mrozek die aktuelle Situation in Ostwestfalen ein. Die Szene sei inzwischen tragfähiger sowie umsatzstärker geworden und würde deutschlandweite Aufmerksamkeit erhalten. „Das Interesse an Ostwestfalen als Start-up Region steigt“, stellt Mrozek fest. Trotz aller Fortschritte sei es schwierig, die Start-up-Mentalität in bestehende Firmenkulturen zu integrieren. Der Jungunternehmer schätzt, dass sich Start-ups in den kommenden Jahren stärker ins Ländliche verlagern werden – auch in Ostwestfalen. Potenzial sieht der Szenekenner für lokale Start-ups zudem in den regionalen Stärken wie Mode, Möbelbau oder auch Maschinenbau. „Die starke regionale Wirtschaft ist ein sehr großer Faktor für die Start-ups hier. Sie sind oft die ersten Partner oder auch Kunden. Start-ups aus ganz Deutschland kommen daher regelmäßig nach Ostwestfalen um an genau diese Unternehmen heranzukommen“. Um die Zukunft Ostwestfalens als Start-up-Landschaft macht sich Mrozek deshalb keine Sorgen, die Region werde sich weiter gut entwickeln. „Wenn ich ‚match it!‘ noch einmal gründen würde, dann jetzt. Denn nie war die Ausgangslage besser und wenn man einmal Blut geleckt hat, kommt man da nicht mehr so einfach raus“, gibt Mrozek lachend zu.

AUFBRUCHSTIMMUNG SPÜRBAR
Anna-Luise Korte und Alexander Rüsing verfolgen ein ambitioniertes Ziel: Die beiden Projektmanager stricken am Netzwerk der „Startup Region OWL“. Initiiert von der „Founders Foundation“, hinter der die Bertelsmann-Stiftung aus Gütersloh als Geldgeberin steht, und gefördert durch die „Digitale Wirtschaft NRW“ wollen sie ein ansprechendes Umfeld für die Tech-Gründer schaffen. „Wenn wir hier nicht das Ecosystem schaffen, wandern die Talente ab“, sagen die beiden Mitzwanziger. Beide haben schon in Start-ups gearbeitet, Korte in Berlin, Rüsing in Bielefeld, hier hat der Soziologe auch gemeinsam mit anderen das lokale Start-up Netzwerk in Bielefeld aufgebaut. Die Region verfüge über den „Nährboden“, auf dem sich Start-ups etablieren können, sind sie überzeugt. „Die Exit-Strategie ist bei ostwestfälischen Start-ups nicht so ausgeprägt. Hier plant keiner das nächste ‚Zalando‘, sondern ist an nachhaltigen Lösungen interessiert“, sagt Rüsing. Das Zusammenspiel von Start-ups und Unternehmen würde funktionieren. „Ostwestfalen hat das Potenzial, die Start-up-Region für B-to-B-Lösungen zu werden“, ergänzt Betriebswirtin Korte, „in ‚Internet-of-Things‘-Anwendungen liegen die Stärken“. In der Region sei eine Aufbruchstimmung spürbar, die Region ist von der Art und Weise, wie in Start-ups gearbeitet wird, infiziert. Vermittelt werde diese neue Sichtweise beispielsweise in Events wie dem „Start-up Hack“, bei dem Probleme aus der Industrie von Start-up-Teams bearbeitet würden. Neben Events rühren die beiden Projektmanager mit Social Media Aktivitäten und einem eigenen Magazin weiterhin die Werbetrommel für die regionale Tech-Gründerszene. „Ein großes Thema ist aktuell der Aufbau einer Job-Börse. Sie soll sich an Jobinteressenten richten, aber auch an Co-Founders, die auf der Suche nach einem Team sind.“

Wie der Beitrag weitergeht kann in der aktuellen Ausgabe der Ostwestfälischen Wirtschaft nachgelesen werden.